Gedichtband (work in progress)

huldigung für mister berryman

armer henry. lederjacke für würmer.
am weg hinab hast du gewunken (angeblich) – gewunken!
freundlich sogar im freien fall! große dichtung
große kunstwerke langweilten dich. du präferiertest
einsame briefe und fanpost an hungrige frauen.
dein unglück, nur fast perfekt wie ein perserteppich.

armer henry, vom löschblatt der zeit getilgt, ohne dich
eilt das elend munter weiter – heute wurde ein kind
von der straßenbahn überfahren.
stell dir vor, henry…
dichter sind wie fassungslose mütter, arme
untermieter der hoffnung. der buddha

und du auf leiser eisscholle im nichts – lachen
denken, trinken – unser leid so enorm…henry!
heute wurde ein kind…
ein lachendes fabelwesen weniger in zeiten der monster;
du sprangst von der brücke, henry. doch die große geste
die menschliche geste deiner dichtung war: dein winken.

(Februar 2019)

wolken sind schnurrende nichtsnutze
staubwedel aus schnellen fischfarben

wie lamas
spucken sie kreidige wasserfäden.

wolken sind faul, also oberflächlich
vom bett aus betrachtet.

ich bin drinnen im warmen zimmer
lass mir von wolken planeten schenken

die rindsaugen der milchstraße
drehen sich schillernd um nichts

für nichts quellen, strahlen, sterben
wie millarden vor uns.

(Jänner 2019)

„diese abtreibung zahlst du!“, droht sie.
er nickt und schmiert sich ein marmeladebrot.
übrigens
samstag: morgensonne, reich gedeckter frühstückstisch
und der kühlschrank surrt –
„der kühlschrank pfeift!“, knurrt sie.

jeder morgen ist so, so unterschiedlich…
dieser konflikt in allem werden
nebenbei leben, nebenbei sterben…
er besorgt tomaten und einen schwangerschaftstest.

sonntag: mit blutigen fingern weckt sie ihn strahlend
sonntag: heute geht sie ins fitness center.

(September 2018)

 

du frühstückst beim hippen bäcker. nichts passiert
und dann passiert es –
der kurzkurze rock der schlanken frau vor der brotvitrine
schiebt sich langsam         entblättert
– sie ist schön und hu! –
ganz hinauf – bis sie ihn eilig wieder runterzieht.

wir leben in einer zeit der unkomplizierten bilder

also, kinder im park
laufen nackt unter einem sprinkler umher, quietschen
glänzen und quieken, wie erwartet
werden sie irr, rollen toll in braunen lacken herum und
grölen. „genug!“, schreit die betreuerin. genug.
der gärtner dreht das wasser ab. das war’s
ihr hattet euren spaß.

im bistrot nachher.
nichts ungewöhnliches. die zeitung war
furchterregend.

(August 2018)

in genua

das grauen ist ein gefühl
wie alle anderen
bringt es eigenschaften hervor, sodass man sieht.
statuen sind aschehaft am friedhof in staglieno
stumme frauen mit blumen stehen dort.

in den arkaden genuas
schlafen afrikaner in sichtweite des meeres
stumme frauen mit blumen stehen dort;
steigt ein mann aus dem café
vor den augen der arkaden
hält er kuchenstücke in seiner hand
und füttert liebevoll seinen hund.

(März 2018)

 

regen blutet sich in den gehsteig
wieviel bazillen es gibt und sonstige
wunder. die welt spielt theater
mit unleistbar vielen nebenrollen
und seltsamen pointen.

die bewegungen erhalten sich nicht
im fell des liegenden hundes im park
gedenken wassertropfen ihrer ganzen kindheit
umsonst
für die hauptrolle, die bloß vorüberzieht;
er sieht stinkende nässe und pelz.

angekommen beim arzt zeigt er
zögerlich eine        feuchte stelle
sie ist mit scham besetzt, auch
naja rötlich und es juckt halt.
also, worum handelt es sich?

wir wissen es nicht, uns
zeigt er sie nicht.1

 

1     aber wir erkennen darin u.a. / die geschichtlichkeit der gegenwart / in diesem fall / am beispiel der scham.

(März 2018)

 

verrstreut unter daunendecken lag sie
luft fiel durchs fenster, offen bei minus zehn
ihr körper, eine form des sommers
zieht das licht auf ihr gesicht
und weckt sie;
eisplatten schlittern ohne laut vom dach
sie bemerkt nur
nichts tat, nichts bewegt sie
lebendig
einbalsamiert in sich
striff sie das nichts.

(Februar 2018)

 

in österreich

ingeborg floh vor der stummen aggression
zum südbahnhof, wo vor wenigen jahren noch rinder und juden
du kennst die schreienden gesichter
der villen in hietzing
die graue last der biederkeit und der schuld;

nein, rom war kein fehler –
im dotter der sonne sein mit einem schweizer
im cabrio, ingeborg lacht vor wind und tabletten.
mein großvater war klug und blond genug
für die napola; als „führernachwuchs“
lernte er gehorsam, als uniformiertes kind
zog er verkohlte leichen aus deutschen trümmern;

er war noch jung, als er sich ertränkte.
auch ingeborg, taub durch medikamente, starb
in römischer nacht, verbrannt im bett, nicht viel später
in österreich hasst man juden immer noch.

(Februar 2018)

 

tiefkühllasagne

wir alle wissen, wo romantik zum sterben hingeht;
alltag weiß zu gut, wie man nackt aussieht.
meine frau frühstückt heute tiefkühllasagne.
liebe ist ein fangfrage;
die dummen und ungetauften warten gemeinsam
auf große erscheinung
und bekommen dafür     sowjetrepubliken. mir reicht lasagne
sie bringt lasagne und nicken bis mittag im bett
und hören die leisen füße der schönheit panthern
er darf berühren und singen und leichtes halten
tiefkühllasagne essen, während die gourmets an gott rumkauen.

(Februar 2018)

 

brief an die stadt #27 [zensiert]

es is so, sei unglücklich, geh ins café, trink espresso
macchiato, sag brav danke, es is halt so, wir sind viecher.
wenn ich sauer bin, spuck ich autos an
gelbes zeug quillt aus meinem inneren
blumen eures drecks – als erinnerung
frau und kinder anbrüllen ist nicht befriedigend
aber besser als nichts.
harmlos wie ich, sprechen sie fließend montessori und epistemologie
woher weiß man, dass man weiß, dass man ein magengeschwür hat, papi?
unsere nachbarschaft besteht aus huren und hakenkreuzen
polis gibt’s nicht
nur schnelle autos und langsames sterben
der unmöglichen arbeit am glück.

(Februar 2018)

 

liebeserklärung

du bist für nichts zu gebrauchen
sie wollen dir kündigen
wir leben in der großstadt
wir leben im supermarkt
du bist dem müde, all dem
du bist eine alte frisur geworden
so viele leute haben augen, aber du nicht
wie schwer es für dich ist, einfach zu sein.

das geld liebt dich nicht
sie wogen dein haar
sie boten dir einen topf kirschen
für deine ganze landschaft
aber business liegt dir nicht
kinder schlafen auf dir wie schnecken
du saugst den krieg aus der luft
du bist für nichts zu gebrauchen, für nichts

(Jänner 2018)

 

gleichung mit unbekannten

die frau im spitzenkleid mit flaum am nacken
sitzt im gras und zeichnet hübsche winkel
hinter ihr lavendel und namenlose blumen

ihre jugend überkommt mich wie müdigkeit
gestern nacht schlug ich türen zu
gestern nacht schrie man mir ins gesicht.

sie ist jung wie der himmel und rechnet
und lutscht an der spitze ihres stiftes
ist das nicht giftig? soll ich etwas sagen?

gestern hat man geschrien und türen geschlagen
mitten in der nacht ging ich dann
spazieren, aber morgens hielt ich wieder ihre hand.

die studentin ist fertig und ich bin’s auch
als ich aufstehe, kaut sie stumm kaugummi.
es sei dumm gelaufen, meinte meine frau zu mir

ich hatte mich entschuldigt, so wie auch sie
ihre angst ist ganz unbegründet, denke ich mir
außerhalb des parks, am weg nachhaus zu ihr.

(Juni 2017)

 

vaterschaft

er rauchte und hoffte, hastig und viel
er bestellte noch einen kaffee, zahlte zwei
und als er die glut erstickte, erschien sie.

er sah sie, frisch wie vor jahren stach der schmerz
an der hand ihre kinder, sein herz, er versuchte
aber sie hatten angst vorm unbekannten.

sie saß steif wie auf wunden und verneinte
zu träumen, zu spielen, er versuchte ein lächeln
blieb aber wind und wüste, also heiße luft für sie.

wie zwei preise hängen sie an der mutter, haben vergessen
essen wir noch etwas gemeinsam?, fragt er, sie nickt
aber was gewesen, verhungert auch nicht bei tisch;

gebrochen war gebrochen, es bleibt alles wie ausgemacht
und bald gehen sie wieder, wie ausgemacht
genau zwei stunden, mehr nicht.

(Juni 2017)

 

naturbeziehung

bäume sind arrogant und blumen sind blöd.
deine blüten sind allergene wattefetzen
sie riechen wie billiger sex.
ich will reden und du schweigst, schweigst
ich will sinn und du gibst mir steppe
steppe, erde, steppe, hecken und dreck
– danke. jetzt schüttets auch noch.

disteln, grauer himmel, rauer wind…
ich hab auch meine launen, aber wieso
wieso raubst du mir so völlig die hoffnung?
schilf und schminke kapier ich nicht
und wieso wir so dumm sterben müssen –
du bist hungrig nach nichts und ich dein tier
aber was du preisgibst, hast du von mir.

(April 2017)

 

ham & eggs

seine augen fixieren grob ein tschilpen
im gebüsch des frühlings raschelt die frucht
spatzen schießen krieg und frieden
blüten fallen, er kriecht zu dem gebüsch
der graue himmel ist dumm wie tulpen
und er schwört, er wurde eben erst geboren.

die zweige schnalzen, ihr gebet kratzt
er hat keine karte, er ist wohin er geht
und er schwört er ist hier für immer
und was noch da ist, reicht ihm;
sprache ist vorüber und er vergisst.

er lachte und jagte vögel wie ein hund
er ist die harte statue eines kindes
und seine hände werden ihn nicht hassen
als er die weichen eier aus den nestern hebt
und sie dann alle von den klippen wirft.

auch der wind wird ihn nicht hassen
denn er stürmt nur und kümmert sich nicht
er sieht hinab, es tost und schweigt
und er fühlt raum im schutz der zeit
er springt zurück ins hohe, dichte gras
und schleicht frei durch seinen morgen
wie seine zeit, die er ist.

(März 2017)

 

völlig alltäglich

der zug erschien am gleis
klein wie zweifel leise
kam er wie das lange vorm urknall
eigenartig langsam
rollte bergmassiv dunkel ins bild
und alles war zug
zischte jacken und hände strömten
gegenwart ist schnell wie bilderrahmen
gesichter schwebten nackt
und vergesslich weht der wind
in radikaler unschuld details davon
auf und zu schmatzten türen
wie küsse, fern vom logischen
ruckte der zug abrupt los
ohne viel gerede
wurde er wieder
zum glühenden punkt klein
werdend schwindet alles
ordnungsgemäß
inszeniert pfiff jemand vorher
und hob dazu die hand.

(März 2017)

 

mutige fantasie

mich fasziniert wie moos und kiesel
neurotisch tief zu boden locken
zum minnegesang der kotkrümel
wo frühlingsgefühle und lippenstift
entwertet an zigarettenstummeln
am boden ballet tanzen;
kalte knospen und tulpenspitzen
der mäusekot riecht nach haschisch
keine harmonie, kein ganzes
einzeldinge verbinden sich.

aber alles wird bald in blüte stehen
obwohl gegenwart zu zerfall und fakten neigt
obwohl ich mich nicht um natur schere
für menschen aber
keinen weg nach vorn verstehe
bewunder ich die mutige fantasie
kleiner vögel, die vom warmen irgendwo
dieser kälte zufliegen
die im ganzen wesen
für die zukunft leben.

(Februar 2017)

 

bürgerliche dichtung

morgen sind lauter irrtum für ihn
dreht er sich schlummernd um
oder wünscht sich weg.
will im unberühten weilen
alte welt für gut verlassen
üppige weite
früchte greifbar
indianische geilheit
aber
das fekunde
elektrische meer
verdunstet kühl
kolonisiert
von kinderstimme:
was machst du da?

erster sein
hieße auch, einsam sein.

er holt zeitung, trinkt zu viel wein
kommt dümmlich heim
suff, trug, streit – bürgerlichkeit, denkt er.
kind will kaninchenstall nicht putzen
mama soll das machen und dich…!
mein sohn,…du wirst mal enden so wie ich
leben gleich dem gameboy-spielen:
level schaffen
speichern
sterben.

(Dezember 2016)